ANDREAS SIEMONEIT |
Achtung: Die Aufgabe "Ablenkungstabelle aufstellen" sollte man nur angehen, wenn man weiß, was man tut. Die Ablenkungstabelle ist Teil der sicherheitsrelevanten Ausrüstung! Auch das hier beschriebene "relativ einfache" Verfahren erfordert einen sicheren Umgang mit Geometrie und Navigation. Es ist kein fehlertolerantes Rezept für Anfänger. |
![]() |
Damit ist man mit folgenden Problemen konfrontiert:
Lieut.-Commander M. J. Rantzen beschreibt in "Bosun Books No. 10: Coastal Navigation wrinkles" (Adlard Coles Ltd., Southampton 1959, also schon eine Weile her ...) ein Verfahren, welches beide Probleme vermeidet, dabei schnell, einfach, sicher und genau ist (wenn auch mit ein bißchen Rechenarbeit verbunden). Zentrales Element der Methode ist die Bestimmung der Seitenpeilung der Sonne, und zwar mit einem Schattenstift, der an einem beliebigen Ort an Deck seinen Schatten auf ein Blatt Papier wirft. Vorteile dieses Verfahrens sind:
Der letzte Punkt beruht darauf, daß nicht der Absolutwert der rwP der Sonne benötigt wird (Sonnenazimut), sondern lediglich die Änderungsrate dieser rwP während des ganzen Verfahrens (also das Wandern der Sonne in Grad pro Stunde). Diese Änderungsrate läßt sich aber leicht messen. Voraussetzung ist, daß die Änderung gleichförmig erfolgt, und das ist am ehesten „mid-morning or mid-afternoon and not too near solar noon“ der Fall. Damit ist also der Zeitrahmen festgelegt, während dessen die Messung zu erfolgen hat: Vormittags oder nachmittags, nicht zu nahe an der Mittagszeit.
Zwei Nachteile des Verfahrens sollen nicht verschwiegen werden:
Das kann man aber ausgleichen, indem man später mal eine MgPeilung eines Objektes mit bekannter rwPeilung vornimmt (klassischerweise ein Richtfeuer) und diesen Wert mit der Ablenkungstabelle vergleicht. Abweichungen von mehr als 1° sind dann ein Grund zur Unruhe. Diese Art der Kontrolle sollte man übrigens öfter mal machen.
Im folgenden werden die nötige Ausrüstung, das Vorgehen bei der Messung und die Auswertung beschrieben.
![]() |
Auf den vorbestimmten MgKursen wird von der Steuerfrau "Achtung - Jetzt!" gerufen und dann auf dem Papier vermerkt:
Der Genauigkeit wegen sollte alle 20° gemessen werden, besser alle 10°. Das Ganze braucht nicht länger als eine Viertelstunde oder 20 Minuten zu dauern.
Die Schritte sind:
Hier wird ein realistisches Zahlenbeispiel dargestellt. Die Daten stammen von der "Daisy", einer großen Stahlketch (Motiva 54), mit der das Team Seesegeln in den 1990ern einige Jahre lang Ausbildungstörns in der Ostsee durchgeführt hat.
Es wird folgende Tabelle verwendet (siehe Download), deren erste drei Spalten (bis Roh-SP) direkt mit den Meßdaten ausgefüllt werden können. Die restlichen Spalten werden anschließend erläutert.
Die Formel lautet
Roh-MgP = MgK + Roh-SP
Wenn man auf Werte größer als 360°/kleiner als 0° kommt, dann muß man 360° abziehen/hinzuzählen (in diesem Beispiel bei MgK 320°, 340°, 360°).
Die Roh-MgP über dem MgK aufgetragen sieht zunächst so aus:
Eine (kaum merklich) zu höheren Kursen ansteigende, sinusähnliche Kurve, über etwa 450° gemessen (Fünf-Viertel-Kreis). Der Anstieg der Kurve kommt von der Änderung des Sonnenazimutes, die wir jetzt ermitteln, und zwar aus den Meßwerten jener Kurse, auf denen wir zweimal gemessen haben: 0° bis 100° (gelber Bereich der Tabelle). Für jeden dieser Kurse werden die Differenzen aus erster und zweiter Messung sowohl der Uhrzeit als auch der Roh-SP ermittelt, so daß man eine Reihe von Wertepaaren erhält, die man addiert und dann mittelt:
(Die SP-Differenz steigt hier nur zufällig an, das hat kein System)
Aus dieser Änderungsrate, multipliziert mit dem Minutenwert der ersten Spalte,
erhält man die "Sonnenkorrektur" (Sonn.-Korr.) für jede Uhrzeit. Die
Sonnenkorrektur muß negativ sein, da wir den Sonnenazimut auf einen "früheren"
Wert zurückrechnen wollen.
Die Formel lautet
korr. MgP = Roh-MgP + Sonn.-Korr.
Die Korr. MgP über dem MgK aufgetragen sieht so aus:
Der Anstieg wurde herausgerechnet, die Kurve ist etwas "abgesackt".
Hier muß man aufpassen, daß man nur die einfach gemessenen Werte einbezieht, damit die Ablenkung aller Kurse gleichmäßig berücksichtigt wird. Das ist der hellblau markierte Bereich der Tabelle, also alle Werte für die Kurse 0° bis 340°. Der Mittelwert ist die Summe, geteilt durch die Anzahl der Werte:
2.027° / 18 = 113°
Dieser Wert ist unsere bestmögliche Näherung für die "wahre" rwPeilung der Sonne (Sonnenazimut) zu Beginn der Messung (0 Minuten). Wenn man diesen Wert woanders her genauer bekommen kann (Nautisches Jahrbuch z. B.), umso besser.
Die Formel lautet
Ablenkung = mittl. MgP - korr. MgP
Die Ablenkung über dem MgK aufgetragen sieht so aus:
Hier sind wie üblich die positiven Werte für E und die negativen für W. Das kann man dann in eine Tabelle übertragen, damit hat man dann die sprichwörtliche Ablenkungstabelle. Viel Spaß!